Ort als sozialwissenschaftliche Kategorie (2009)

2. Treffen des NWNW Stadt Raum Architektur, Darmstadt, 2009

Call

Wie lassen sich Orte in einer globalisierten Welt denken? Wie lässt sich das Spezifische eines lokalen Kontexts erforschen? Welche Rolle spielen gebaute Strukturen, Rituale oder vergangene Geschehnisse für die Konstitution von Orten? Wie können Räume und Orte konzeptionell voneinander unterschieden werden? Wie kann die Stadt als besonderer Ort untersucht werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das zweite Treffen des Nachwuchsnetzwerks „Stadt-Raum-Architektur“.

Im Zuge des „spatial turn“ in den Sozialwissenschaften wurden Globalisierungsprozesse in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zunächst als „Deterritorialisierungsprozesse“ konzeptualisiert. Viele TheoretikerInnen vertraten die Auffassung, dass die Welt am Ende des 20. Jahrhunderts durch die Auflösung von als kulturell distinkt imaginierten Orten zugunsten sich zunehmend homogenisierender globaler Räume zu charakterisieren sei. Manuel Castells beispielsweise untersuchte in seiner Trilogie zum Informationszeitalter, wie sich ökonomische Steuerungs- und Kontrollfunktionen weltweit verteilten und entdeckte ein Raummuster, das sich durch gleichzeitige Konzentration der Schlüsselindustrien in den Zentren der global cities und weltweite Streuung dieser Zentren auszeichnete. In der Folge bildeten, so Castells, diese global cities ein Netzwerk, das heißt einen gemeinsamen Raum, der gekennzeichnet sei durch ortlose Prozesse des Austausches und der Interaktion. Castells nennt diesen Raum den „Raum der Ströme“. Ihm gegenüber stehe ein traditioneller, an Bedeutung und Gestaltungsmacht verlierender „Raum der Orte“. Dabei wurde all das, was dem globalen Raum abgesprochen wurde – Geschichte, Kultur, soziale Nähe oder auch Möglichkeiten des Widerstands – nostalgisch auf das Lokale, auf den Ort, projiziert und dieser zum einen idealisiert und zum anderen als merkwürdig rückständig, da von „der Welt“ abgekoppelt und daher umso mehr von globalen Homoegenisierungsprozessen bedroht, entworfen.

Trotz dieser wirkmächtigen Thesen hat sich, so muss man aus heutiger Sicht festhalten, die Bedeutung von Orten und die Unterschiedlichkeit von Städten keinesfalls aufgelöst. So ist die meistgestellte Frage in Telefonaten mit Handys, die nach dem Ort, an dem sich der Gesprächspartner gerade befindet. Richard Florida betont in seiner Theorie zu den Creative Cities, dass die lokalen Qualitäten einer Stadt über deren Zukunftsoptionen entscheiden, und (Star)Architekten bemühen sich weltweit um die Schaffung einzigartiger, unverwechselbarer Bauwerke, mit denen sie „place brandings“ vorzunehmen und Orte zu definieren versuchen. Helmuth Berking erinnerte bereits 1998 mit Clifford Geertz an die „schlichte Einsicht“, dass niemand in der Welt im Allgemeinen lebt, dass Ortsbewusstsein und Orientierungssinn, Wahrnehmung und Produktion von Orten zur conditio humana gehören. Wir können uns, so schreibt er, eine Welt ohne Orte nicht vorstellen. Einen Vorschlag für eine Neukonzeption des Ortbegriffs, der die Vorstellung hinter sich lässt, lokale Kulturen seien kulturell homogen und historisch-erdräumlich verwurzelt, macht etwa Doreen Massey. Sie geht davon aus, dass sich das Lokale und das Globale gegenseitig konstituieren. Orte sind für sie nicht einfach „Opfer“ oder Produkte des Globalen. Im Gegenteil, sie seien die Momente, durch die das Globale erst hervorgebracht werde. Das heißt, es gibt nicht nur eine globale Konstruktionen des „Lokalen“, sondern auch lokale Konstruktionen des „Globalen“.

Im Workshop sollen unterschiedliche sozialwissenschaftliche Disziplinen und Denkansätze zur Wort kommen. Der explizit als Nachwuchsveranstaltung konzipierte Workshop wird insbesondere Raum bieten für offene Fragen, ungelöste Probleme und Suchbewegungen. Inhaltlich sind sowohl Theoriebeiträge (zu einer „Soziologie des Ortes“) und Fallstudien (zur Konstitution konkreter Orte) erwünscht als auch Beiträge, die sich auf methodologischmethodischer Ebene mit der Frage beschäftigen, wie das Spezifische eines Ortes untersucht werden kann. Die Projektpräsentationen sollten nicht länger als 25 Minuten dauern, damit viel Zeit für Austausch und Diskussionen bleibt.

Ort
  • TU Darmstadt
Programm
  • Anamaria Carabeu und Arthur Depner: Der Ort als „räumliches Potential“
  • Knut Petzold: Der Ort als Offerte
  • Susanne Krosse: Figur_Handlung_Raum
  • Ralph Richter: Überlegungen zu einer Identität der Stadt oder Gibt es Bielefeld wirklich?
  • Lars Frers: Verortet werden – Sich verorten. Die methodologischen Herausforderungen der Orte.
  • Helmuth Berking, TU Darmstadt
  • Theresia Leuenberger: Konzeption des Raumes über den Begriff Atmosphäre
  • Nona Schulte-Römer: Ort in anderem Licht
Organisation
  • Sybille Frank, Gunther Wiedenhaus, Silke Steets
Advertisements