Diversität und Vielfalt (2012)

Theorien und Empirische Befunde innerhalb der Stadt-, Raum- und Architekturforschung

8. Treffen des Nachwuchsnetzwerkes Stadt Raum Architektur, Frankfurt, 2012

Call

»In keiner Gesellschaft stehen sich einfach nur eine Mehrheit und Minderheiten gegenüber. In Städten, insbesondere in modernen Metropolen, ist die Wirklichkeit komplizierter (…): Ökonomische Prosperität, soziale Dynamik und kreative Innovationen sind in Global Cities verbunden mit Mobilität und Einwanderung sowie mit der Entwicklung zu einer von Heterogenität und ständigem Wandel geprägten „Weltstadt“« – und wirken auf die Gesamtsituation als Stadt in Stadtentwicklung, ihrem Selbstverständnis, auf Sozialpolitik und Wirtschaftsförderung. Für die Bewohner bedeutet dies eine Überlagerung sozialer Lagen, Berufswege, Biographien und Zugehörigkeitsgefühlen: »ein Neben- und Miteinander sich überkreuzender, sich verändernder, sich weiter ausdifferenzierender oder auch mischender und neu bildender Milieus. (…) Das macht Städte für viele attraktiv, (für) manche das Leben in Städten anstrengend«[1]

Diese Auszüge wie dieser aus dem Diversitätskonzept der Stadt Frankfurt belegen sowohl die gestiegene Aufmerksamkeit auf Vielfältigkeit innerhalb städtischer Gesellschaften als auch deren besondere Rolle im Kontext gesamtstädtischer Entwicklungsprozesse. Diversität geht über die bloße Vorstellung eines gesellschaftlichen Multikulturalismus hinaus und bedeutet zugleich mehr als die Ausdifferenzierung von sozialen und kulturellen Praktiken zu Lebensstilen oder Milieuräumen. Neue Konzepte wie beispielsweise das der »Super-Diversity« von Steven Vertovec versuchen, die breiter und immer komplexer erscheinenden, aktuellen Migrationsformen aufzugreifen  und sie als Ausdruck für die über alle soziale Schichten und Herkunftsgruppen verteilte soziale, kulturelle und sprachliche Vielfalt innerhalb moderner Gesellschaften zu verstehen.[2] In diesem Kontext spricht Regina Römhild von einem »neuen Kosmopolitismus«, womit eine Art transversale urbane Bewegung gemeint ist, die Religionen, Kulturen, Lebensstile, Lebensformen und Lebensentwürfe, die oft geographisch wie zeitlich voneinander entfernt liegen, auf lokale Ebene zusammenbringt.[3] Aus dem Blickwinkel dieses methodologischen Kosmopolitismus gehören migrantische Wirklichkeiten heute unverzichtbar zur städtischen Normalität[4].

So wird aus multikulturell kosmopolitisch, aus dem sozial heterogene Problemviertel wird ein urbaner Melting Pot und die ehemals als marginalisiert bezeichneten Bevölkerungsgruppen zum wesentlichen Element städtischer Lebensrealitäten und Entwicklungsdynamiken. Diversität als ethnisch-kulturelle Vielfalt wird auf der einen Seite im Bereich von Tourismusförderung, Erschließung freizeitlicher Konsumwelten oder auch im Rahmen der Regenerierung migrantisch-geprägter Altbauquartiere als sozialräumliches Qualitätsmerkmal gezielt betont, Diversität als sozialer Vielfalt hingegen ist beispielweise bei Sicherheitspolitiken im öffentlichen Raum weniger eindeutig konnotiert.

Der Call for Paper „Diversität und Vielfalt“ zum 8. Treffen des Nachwuchswissen-schaftlerInnennetzwerks Stadt Raum Architektur sucht Beiträge, die mit folgenden Begriffen und Gegensätzen auseinander setzen, diese aufgreifen, adaptieren, neudenken oder kritisch hinterfragen:

  • Globalisierung und Melting Pot, Kosmopolitismus und Translokalität
  • Moderne Gesellschaftskonzepte und urban citizenship
  • Globale Diskursverschiebungen und Neuausrichtungen städtischer Politiken
  • Ausdifferenzierung und lokale Konzentration von Ökonomien
  • Diversität in Stadtimage und Place Branding, in Standortmarketing und Quartierstourismus
  • Segregation und Konzentration, Marginalisierung und Zusammenhalt, Inklusion und Exklusion

Der Workshop bietet Raum, theoretische und empirische Vorträge zu präsentieren, die im Rahmen von Diplom-, Magister,- oder Masterabschlussarbeiten entstanden sind, oder aus laufenden Dissertations- und Habilitations- oder anderen Forschungsprojekten zu berichten.

Der ausgesprochene Call richtet sich an NachwuchswissenschaftlerInnen aus allen Disziplinen, welche sich wissenschaftlich mit Stadt, Raum und/oder Architekturforschung beschäftigen. Abstracts zu den Beiträgen (max. 500 Wörter) können bis 15. September 2012 als pdf-Datei an grube@em.uni-frankfurt.de geschickt werden. Das Treffen findet am 9. & 10. November 2012 statt.

Call_NWNW8_2012 in PDF-Version

Ort:

Goethe Universität Frankfurt, Frankfurt am Main

Programm

Freitag, 9.11.2012 

>> Campus Bockenheim  // Institut für Humangeographie // Robert-Mayer-Straße 6 // Raum 302

13.00 Uhr Begrüßung & Einführung Nils Grube (Frankfurt)

13.30 Uhr Session 1 _Paradigmen

  • Malte Bergmann (Berlin): Diversifizierung der Diversität. Konsequenzen von Super-Diversity für Stadtforschung und Interventionspraxis (NWNW8_Bergmann)
  • Jennifer Plaul (Weimar):Degenerierende Räume: Die Räumlichkeit sozialer Benachteiligung im politischen Diskurs in Halle,Saale  (NWNW8_Plaul)

15:15 Uhr Kaffeepause

15:45 Uhr Session 2 _andere Diversität

  • Michael Annoff (Berlin): Die Stadt als Spielraum: Queer-Aktivismus zwischen Heterotopie und Intervention (NWNW8_Annoff)
  • Knut Petzold (Leipzig): Mythos Kosmopolitismus. Zur theoretischen Struktur und empirischen Messbarkeit eines komplexen Konstrukts(NWNW8_Petzold)

17:30 Uhr Kaffeepause

18:00 Uhr Netzwerkplenum

19:00 Uhr Keynote 

  • Prof. Dr. Sabine Hess (Georg-August-Universität Göttingen) angefragt

ca. 20:30 Uhr Spaziergang durchs Bahnhofsviertel mit gemeinsamen Abendessen

Samstag 10.11.2012

>>Campus Westend // Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie // Grüneburgplatz 1 // Raum 411

09:30 Uhr Einführung in den zweiten Tag

10:00 Uhr Session 3 _Parallelsessions

A _Verräumlichte Diversität

  • Johanna Vogel (Bonn/Passau): Maids und Madams: Geographien urbaner Begegnungen – Alltagsleben im gesellschaftlichen Zwischenraum von Unter- und Mittelklasse in Chennai, Indien (NWNW8_Vogel)
  • Rene Kreichauf (Berlin): Kleinstadt und Zuwanderung. Zur Theorie und Empirie ethnischer Segregation in kleinen Städten (NWNW8_Kreichauf)

B _Akteure (Raum 1.515)

  • Philip Adebahr, Mira Freiermuth, Sandy Kühnel, Tobias Nitsche (Chemnitz): Alle sind gleich? – Zu vielfältigen Arbeitsmotivationen und unterschiedlichen mentalen Stadtbildern gemeinnützig Engagierter. (NWNW8_Adebahr)
  • Kornelia Ehrlich (Berlin): Ljubljana im Spannungsfeld neoliberaler Stadtentwürfe und widerständiger sozial-räumlicher und kultureller Praktiken (NWNW8_Ehrlich)

11:30 Uhr Kaffeepause

12:00 Uhr Session 4 _Diskurse

  • Hendrik Jansen (Dortmund): Diversität als Grundlage neuer Urbanität (NWNW8_Jansen)
  • Laura Kemmer, Frank Müller (Berlin): Diversität als Label in Transnationalem Urbanismus. Eine Dekolonialisierung der Karl-Marx Straße in Berlin-Neukölln aus der Perspektive Mexiko Stadt (NWNW8_Kemmer)
  • Marian Günzel (Dortmund): Gemeinsam leben in Vielfalt? Möglichkeiten und Grenzen diskursiver Politikgestaltung und Planung zur Überbrückung von Konflikten um die Stadt (NWNW8_Guenzel)

14:00 Uhr Abschlussdiskussion

ca. 15:00 Uhr Ende des Workshops

Programmflyer_NWNW8_2012 als PDF-Version

Anmeldung

Bitte bis zum 2. November 2012 an grube[at]em.uni-frankfurt.de

Organisation

  • Nils Grube (Goethe-Universität Frankfurt) – grube[at]em.uni-frankfurt.de
  • Ralph Richter (TU Darmstadt) – richter[at]stadtforschung.tu-darmstadt.de
  • Maren Harnack (FH Frankfurt)

[1] aus: Magistrat der Stadt Frankfurt am Main (2011): Vielfalt bewegt Frankfurt. Integrations- und Diversitätskonzept für Stadt, Politik und Verwaltung Frankfurt, einzelne Passagen der Seiten 12ff

[2] Chiantzi 2009:  Ethnie ist nur eine  unter  vielen möglichen Variablen.“ –  Steven Vertovec erklärt das Konzept der Super-Diversity. Blog Archiv  des HKW Berlin (http://www.blog.hkw.de/?p=275)

[3] Vg. Römhild, Regina (2009): Aus der Perspektive der Migration. Die Kosmopolitisierung Europas. In Hess et.al.: No Integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa. S. 234

[4] Vgl. Yildiz, Erol (2001): Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht; transcript, Bielefeld

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4 Gedanken zu „Diversität und Vielfalt (2012)

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