Theorien für (neue) Städte! (2009)

3.Treffen des NWNW Stadt Raum Architektur, Frankfurt a.M., 2009

Call

„Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in Städten“. Eine quantitative Aussage, die einen qualitativen Sprung suggeriert: Es tut sich was! Städte wachsen, schrumpfen oder stagnieren; neue Städte entstehen. Die Vorstellungen und Materialisierungen von Stadt vervielfältigen sich. Mit den Entwicklungen weltweit, aber auch im eigenen Land sind die etablierten Modelle, ‚die Stadt‘ zu denken, herausfordert: nicht alles folgt dem Modell der europäischen und nicht alles dem Modell der schrumpfenden Stadt; und keineswegs alle Aspekte des Städtischen sind in den bisherigen Modellen angesprochen.

Wie lassen sich – erstens – die neuen städtebaulichen, architektonischen, demographischen … Entwicklungen (etwa die planerische Vorantreibung der neuen chinesischen Millionenstädte) fassen: was passiert dort und welcher Begriffe und Theo- rien bedarf es, dies zu sehen? Welche neuen Sozialitäten ergeben sich – zweitens – in den neuen Städten, welche Gesellschaften erschaffen sich hier durch ihre neuen Städte hindurch? Z.B. im Städtenetzwerk zwischen lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene? Wie steht es z.B. mit den städtebaulichen und architektonischen Trends der Rekonstruktion historischer Stadtkerne: mit welcher Gegenwartsgesellschaft hat man es hier zu tun? Und: welche (planerischen) Phantasien von Stadt werden entwickelt und auf welchen Gesellschaftsvorstellungen beruhen sie? Zu fragen ist – drittens – (ange- sichts der nicht nur interdisziplinären, sondern auch ‚inter-subsystemischen‘ Zusammen- setzung des Netzwerkes: der Beteiligung von Nachwuchs-Wissenschaftler- Innen und ‑PlanerInnen) aber auch nach dem Verhältnis von Empirie & Theorie in der Stadt- for- schung: sofern einerseits jede empirische Stadt-Forschung ihre mehr oder weniger explizite Gesellschaftstheorie hat, die ihr vorgibt, worauf sich ihr Blick richtet, und sofern sich andererseits stets erneut die Frage stellt, wie Gesellschaftstheorien einen reflektierten Eingang in die planerische Praxis finden können und wie es umgekehrt geht: wie die Praxis in die Theorie kommt.

Es gibt (neue) Städte. Wo sind die Theorien?

Stadt-Theorie ist eine interdisziplinäre Angelegenheit, die in der Soziologie, der Architektur, der Geografie, der Ethnologie, der Ökonomie, den STS und dazwi- schen vorangetrieben wird: überall wird explizit oder implizit darüber nachgedacht, wie sich die aktuellen städtischen Gesellschaften adäquat verstehen lassen, worin der Charakter dieser Vergesellschaftungsform besteht, und was dabei aktuelle Städte aus- zeichnet.

Wir suchen nach diesen disziplinären Antworten: wie werden die Städte aktuell in der Geografie oder in der Architektur diskutiert? Und welchen Begriff hat etwa die Architekturdisziplin von der Gegenwartsgesellschaft und welche Architektur folgt daraus, man denke an Patrick Schumacher, Charles Jencks, Rem Koolhaas? Wie denkt andererseits die Kulturgeografie Stadt und Gesellschaft, z.B. in der nicht-repräsen- tationalen Theorie von Nigel Thrift, in der Geografie des Imaginären bei Derek Gregory oder bei Doreen Massey? Und ebenso interessant: gibt es verkannte Städte- Theorien- klassiker der Soziologie (man denke an den gerade neu entdeckten Gabriel Tarde oder auch an René Maunier), die vorzustellen sich lohnt?

Wir sind offen für jede Denkbemühung, sowohl im Hinblick auf (urbane) Gesellschaften überhaupt, als auch auf unsere aktuelle Gesellschaft. Auch wird keine ‚eigene‘ Theorie vorausgesetzt; es geht um eine Probierfläche, um einen Raum, seinen/ihren Lieblingsdenker/in in Sachen ‚Stadt‘ vorzustellen und weiterzudenken. Ebenso interes- sieren Phänomene, die dem gemeinsamen Versuch der Aufklärung bedürfen. Erklären wir einander „die Stadt“!

Ort
  • Goethe-Universität Frankfurt
Programm
  • Heike Oevermann: Kulturerbe und Kreativwirtschaft. Diskursanalyse zu Transformationsprozessen von Architektur
  • Theresia Leuenberger: “Culture of Congestion”- Rem Koolhaases Konzeption von Urbanität im Blick der Raumsoziologie
  • Anna-Lena Knoll & Bjoern Krey: Stadt im Flug: Eine Actor-Netzwerk-Ethnographie der Stadt als komplex-kompliziertes Netzwerk
  • Konstanze Noack: Lefebvre weitergedacht
  • Thomas Dörfler: Theoretisch-methodische Überlegungen zur Verknüpfung von Milieu- und Raumtheorie
  • Eva Demel: Paradigmenwechsel in der Architektur von Dienstleistungsunternehmen im späten 20. Jh.
  • Sylvia Stoll: Flüchtlinge und neue Städte
  • Katrin Grossmann: Respekt als Leitmotiv der Stadtentwicklung
  • (Neue) Theorien für neue Städte? Diskussion mit Impulsen von Norbert Gestring und Frank Eckardt
Organisation
  • Johanna Hörning, Heike Delitz, Michael Liegl
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