Materialität. Fiktion des Realen (2011)

5.Treffen des NWNW Stadt Raum Arch, Göttingen, 2011

Call

Das Subjekt sei tot, die Welt diskursiv konstruiert und der Raum das Gegenteil dessen, was man sich gemeinhin darunter vorzustellen hat. Zu diesen Grundüberzeugungen gerann das »postmoderne Wissen« (Lyotard). Deconstructive turn, linguistic turn und semiotic turn hätten u.a. der Frage nach den Materialitäten gesellschaftlicher Konstituierung eine Absage erteilt, jene seien »erschüttert« oder hätten sich »erübrigt«. Die geopolitischen Neujustierungen des letzten Dezenniums, fundamentalistische Neuformulierungen von Identitätsfragen und die wiederentdeckte raumproduzierende (und zerstörende) Kraft des Kapitalismus aber brachten postmoderne Lebens- und Gesellschaftsentwürfe in Bedrängnis. »It is distinctly unsettled by the fact that there is much in the human condition which does not shift at all, or which alters only very gradually, and reaches for its catch-all catch-cry of ‘essentialism’ to fend of some unwelcome truths.« (Eagleton 2002: 8). VertreterInnen und Theorien der klassischen Postmoderne wirken deshalb träge, ihre Verteidigung gegen einen – teils vulgären – Neorealismus altmodisch. Gefragt sind deshalb neue Zugänge der Analyse. Für die Perspektive auf die Städte gilt dies genauso, vielleicht sogar in gesteigertem Ausmaß. Sie sind zwar weiterhin die Schaltstellen von Vergesellschaftung, Horte der Innovation und Institutionen sozialen Wandels.

Bei der Frage nach den (auch architektonischen) Semiotiken des Urbanen ist aber der Blick auf Persistenzen, Materialitäten und Habitualitäten von Stadt und Gesellschaft verloren gegangen, die longue durée sozialer Strukturen und Semantiken teils aus dem Blickfeld geraten. An dieser vermuteten Umbruchstelle bieten sich neue Anknüpfungspunkte für die Untersuchung gesellschaftlicher Prägekräfte an. Gefordert sind Ansätze, die die raumbildenden, ästhetisierenden und sozialkonstitutiven Praktiken im städtischen Kontext unter solchen Bedingungen thematisieren können. Die bisherigen Vorstellungen davon, was »Stadt«, was »Urbanität/Suburbanität« oder »Gesellschaft « seien, stehen ebenso auf dem Prüfstand.
Der 5. Workshop des Nachwuchsnetzwerkes Stadt-Raum-Architektur möchte sich dem Wechselspiel von gebautem Raum, Erlebnisraum und ge-/erlebtem Raum widmen und nach dessen Ein!üssen auf unser Verständnis von Gesellschaft fragen. Im Fokus des Interesses könnte stehen: welche haptischen, habituellen oder non-verbalen Wissenstypen hält das Materielle der (städtischen) Gesellschaft bereit, welche das Soziale als interaktive Widerständigkeit? Welches »Handwerk« (Sennett), welches tacit knowledge die alltägliche Praxis? Wie werden (städtische) Räume geschaffen, wie verändert und wer könnte daran Interesse haben? Gibt es neue Governanceformen des Städtischen, mithin deren Gouvernementalität, und gehen sie mit sozialen wie baulicharchitektonischen Veränderungen einher? Und welcher Logik gehorchen Ausgrenzungspraktiken und Distinktionsprozesse unter diesen Bedingungen? Welche Formen sozialer Ungleichheit sind bereits jetzt absehbar? Gefragt sind Konzeptionen, die sich von Soziologie, Ethnologie, Architektur, Philosophie, Geographie, Politologie oder anderen Sozialwissenschaften inspirieren lassen, zu diesen Fragen einen Beitrag zu leisten. Es sollen die Fiktionen des Realen kenntlich werden, die Materialitäten eines symbolischen Bezuges auf Gesellschaft. Ausdrücklich sind NachwuchswissenschaftlerInnen aller relevanten Disziplinen eingeladen, ihre Beiträge einzureichen.

Ort
  • Universität Göttingen
Programm
  • Jessica Wilde: Sozialtheoretische Blicke auf das Verhältnis von Materialität, Stadt und Gesellschaft
  • Ralph Richter: »Gated communities« materialisierter Widerspruch städtischer Öffentlichkeit?
  • Cosima Wemer/Thomas Dörfler: Gärten gegen das Urbane. Urban Farming als antiurbane Urbanität
  • Jan Engelken: Ikonologie als Grundlage einer sozialwissenschaftlichen Analyse von Architektur
  • Achim Schroer: Materialität und städtebauliche Denkmalpflege – Wieviel Materie braucht Geschichte?
  • Eva-Christina Edinger/Maik Hömke: COST – Action: Information Architecture – Infrastructures and user experience
  • Inga Haese: Charisma und die Produktion von Macht-Räumen in der Stadt
  • Lars Frers: Statik durch Bewegung, Wandel durch Warten? Überlegungen zur Dynamik sozial -räumlich-materieller Ordnungen
  • Malte Lemke: Raumbildende Praktiken am Z6calo in Mexiko Stadt
  • Torsten Fehlberg: Raumaneignung durch Rechtsextreme – »Angsträume« am Beispiel des ehemaligen Landkreises Mittweida
  • Ame Spittau: »Community building« mittels Quartiersmanagement – sozial ausgerichtete Stadtteilsanierung am Beispiel der Göttinger Weststadt
  • Carsten Manns: Suburbane Eigenheimsiedlungen: Persistenz oder Wandel?
Organisation
  • Thomas Dörfler, Thorsten Manns, Philip Zaulig
    Kontakt: nwnw [at] stadtsoziologie-goettingen.de

Programm NWNW 5 Materialitaet in PDF-Version

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